Die Stadt der Kontraste

Es vergehen drei Besuche, bis sie mich das erste Mal anlächelt. Heute trägt sie ein kariertes Flanellhemd in dunklen Farben, halb offen, mit einem breiten Gürtel um die Taille. Darüber fallen ihre langen, wilden Locken. Ihr Platz ist hinter dem langen Tresen, zwischen dem Duft nach frisch gemahlenen Espressobohnen und den dumpfen Klängen von Rapmusik. Mindestens jede dritte Polsterbank ist hier kaputt und der Putz blättert von den Wänden. Aber die weihnachtlichen Lichter schaffen zuverlässige Gemütlichkeit, so wie überall in dieser lauten, staubigen Stadt. Gestern lief im Café noch Rockmusik, eigentlich ein ganz anderer Vibe, der auch viel besser zu der Frau hinter dem Tresen passt, denke ich. In den folgenden Tagen lerne ich, dass Punk und Rap sich in Exarchia nicht gegenseitig ausschließen – im Gegenteil.

Ich bin für sechs Tage in Athen. Beruflich oder privat, fragt mich einer der vielen Uber-Fahrer. Beides, erwidere ich freundlich. Wenn schon die Gelegenheit auf 17 Grad und Sonne im Dezember besteht, will ich nicht direkt nach der Konferenz, für die ich hauptsächlich gekommen bin, wieder abreisen. Dafür ist Athen im Advent viel zu schön mit all seinen Lichtern, obwohl ich mit so viel vorweihnachtlicher Stimmung gar nicht gerechnet hatte.

Wie wichtig der Tourismus für die Stadt ist, lerne ich beim Eröffnungs-Panel der Konferenz. Eingeladen sind der Präsident der Bank von Griechenland, der Athener Bürgermeister und der General Manager der Hellenic Bank Association, ein Zusammenschluss der in Griechenland ansässigen Kreditinstitute. Außerdem die Präsidentin des nationalen Forschungsinstituts für Tourismus, die zugleich im Vorstand des Hotelverbands sitzt. Nacheinander betonen sie die schwarzen Zahlen der letzten Jahre, vom allgemeinen Wirtschaftswachstum bis zu den neu eröffneten drei, vier und fünf Sterne Luxushotels. Die Finanzkrise scheint inzwischen vergessen zu sein – oder wird gerade deswegen so überschwänglich positiv vom griechischen Wirtschaftswachstum berichtet?

In den Straßen rund um das Hotel, in dem ich untergebracht bin, sieht es jedenfalls nicht ganz so rosig aus. Obdachlose schlafen auf dünnen Matratzen, es gibt viele dreckige Hauseingänge und stinkende Motorräder. Einmal beobachte ich einen Drogendeal und bin froh, als die heruntergekommene Straße mit dubios wirkenden Läden hinter mir liegt. Aber Athen kann auch anders: Das Gala Dinner zum Abschluss der Konferenz findet im fünf Sterne Hotel statt, mit Marmorboden, Steinsäulen und riesigem funkelnden Tannenbaum im Foyer. Und natürlich mit Sirtaki-Tänzern, die für ordentlich Stimmung sorgen. Die Stadt der Kontraste, das gefällt mir.

Während sich Plaka und Kolonaki für die vielen Tourist:innen herausputzen, die vor allem im Sommer durch die aufgeheizten Gassen strömen, sieht es in Exarchia anders aus. Hier gibt sich niemand besonders viel Mühe, denn das Quartier gehört den Athenern. Zumindest noch. Offen und herzlich sind die Menschen trotzdem und ich lerne mehr als einmal die griechische Gastfreundlichkeit in Form von Schnapsgläsern kennen, die mal mit Nachtisch, ein andermal mit eiskaltem Ouzo gefüllt sind.

Am 7. Dezember 2008 ist in Exarchia der 15-jährige Alexandros Grigoropoulos durch Polizeigewalt ums Leben gekommen, schreibt die Zürcher Wochenzeitung. Und von Exarchia, dem „Anarchistenviertel“ und „Herz des Athener Untergrunds“. Während des II. Weltkriegs keimte auf der Plateia Exarcheion, dem zentralen Platz des Viertels, studentischer Widerstand gegen den Faschismus auf, dessen Kräfte bis heute spürbar sind. Linke, Punker, Anarchist:innen und Künstler:innen schließen sich zusammen gegen jene, die ihren Stadtteil kontrollieren wollen, besetzen, einnehmen. Wo vor 80 Jahren bereits linke Student:innen demonstrierten, soll heute eine neue Metrostation entstehen. Fragt man Google, sollte man als Tourist:in Exarchia weit umgehen.

Beim Schlendern durch die Straßen von Exarchia entdecke ich eine Bar, über der Hammer und Sichel von der Wand leuchten. Außerdem einen Plattenladen für Metal und Hardcore, der selbst mir too much ist. Der Merch-Store eine Ecke weiter verkauft Shirts von Bands, die Religion nicht nur ablehnen, sondern in ihrer Musik kritisch verarbeiten. Gleichzeitig wimmelt es wenige Kilometer entfernt in Plaka von Souvenirläden, in denen die Ikonen der orthodoxen Kirche verkauft werden – Fenster zum Himmel. In einem dieser Läden riecht es so stark nach Weihrauch, dass ich es keine fünf Minuten darin aushalte.

Bis auf einige Polizeistreifen scheint es zurzeit ruhig zu sein in Exarchia. Vielleicht ist auch hier, nach dem aufreibenden Dezemberanfang, etwas friedliche Weihnachtsstimmung inmitten der Szene eingezogen. Vielleicht freut sich die Barista sogar ein klein wenig über die Touristin, die trotz der großen Auswahl an Cafés jeden Morgen wiederkommt? Ich trinke den letzten Schluck aus und schaue aus dem großen Fenster auf die Straße. Vorbei fährt ein Mannschaftswagen der Polizei. Hinter den Gittern blinken bunte Lichterketten.

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