Ich trinke gerne Kaffee bei Starbucks. Meist sitze ich dort an einem großen, runden Tisch, in dessen Mitte sich ein Paneel mit Steckdosen befindet für all die Menschen wie mich. Menschen, die mit ihrem Kaffee einen Platz zum Arbeiten suchen, geschäftig ihren Laptop auspacken und die nächsten Stunden am Bildschirm kleben. Oder zumindest denke ich, dass die meisten Menschen mit Laptop dort arbeiten. Vielleicht schaut sich auch einer süße Katzenvideos auf YouTube an – aber das kriege ich nicht mit. Dafür sorgt im Idealfall der Tunnelblick, wenn die Konzentration einsetzt. Dann verblasst das Treiben aus ankommenden und aufbrechenden Menschen und der Krach des Milchaufschäumers zu einem angenehmen Murmeln und Rauschen im Hintergrund.
Kürzlich erfuhr ich, warum die Cafés der Starbucks-Kette stets auffallend große Fenster haben. Man schaut suchend nach drinnen, ob zwischen den Laptop-Menschen noch ein Platz frei ist. Nickt den Nachbarn kurz zu und verschanzt sich wie selbstverständlich vor dem eigenen Bildschirm. Fühlt sich irgendwie gut an, so inmitten des allgemeinen Produktivseins. Wer jetzt denkt, das war eine gut überlegte Entscheidung, weil warum nicht gleich Arbeit mit Schönem verbinden – genau so haben sich das die Marketingleute auch gedacht.
Aber kommen wir zum Wesentlichen. Als Person, die sich regelmäßig mit dem eigenen Konsumverhalten auseinandersetzt, waren die Cafés der Starbucks-Kette lange ein wortwörtliches No-Go für mich. Mit Starbucks verband ich Müllberge aus Plastikbechern und Strohhalmen. Es gibt ein Video von einer Meeresschildkröte, der ein solcher Strohhalm in der Nase feststeckt. Tut schon beim bloßen Zuschauen weh. Also habe ich Starbucks so gut es geht gemieden – gibt ja auch fast überall gemütliche Cafés, in denen es politisch korrekter zugeht. Mit Hafermilch, veganem Karottenkuchen und bisschen links-grüner Atmosphäre, Sie wissen schon. Nun reicht gemütlich aber nicht zum Arbeiten.
Dann kam Corona, inklusive Home-Office und Menschen, deren Gesichter auf zentimeterkleine Kacheln geschrumpft sind. Während andere Zuhause geblieben sind, wurden meine Besuche bei Starbucks immer häufiger – so lange es ging. Inzwischen weckt die stille Verbundenheit der Laptop-Menschen am runden Tisch ein geradezu vertrautes Gefühl. Die Baristas fingen an, mich schon von Weitem freundlich zu grüßen und Kaffee aufzusetzen, bevor ich überhaupt bestellt hatte. Ich lernte Felix kennen und verfolgte neugierig, warum es ihn erfüllt, trotz aller Widersprüche an diesem Ort zu arbeiten.
Während man bei einer großen amerikanischen Unternehmenskette von einer gewissen Anonymität unter der Kundschaft ausgehen würde, berichtete mir Felix vom Gegenteil. Jeden Tag gegen 11 Uhr kommt die ältere Dame, die schon etwas dement ist. An der Fensterfront sitzt regelmäßig ein großer junger Mann auf dem immer gleichen Platz und liest – alle paar Wochen ein neues Buch. Und so scheint es eine Handvoll Menschen zu geben, für die das Café ein zweites Zuhause geworden ist.
Was ich damit sagen möchte, ist: Wer hier Kaffee trinkt, tut das nicht zwangsweise in Übereinkunft mit den Werten, die Starbucks als Unternehmen vertritt. Aber mit diesem Widerspruch muss jeder für sich selbst zurechtkommen. Es ist niemals nur schwarz oder weiß – vom Filterkaffee einmal abgesehen. Aber wenn ich in Felix freudiges Gesicht blicke, weiß ich für meinen Teil: Ich werde wiederkommen.
