Kapitel I: Jerusalem

Mit einem unbehaglichen Gefühl im Bauch passiere ich die Reihe von jungen Männern, alle in khakifarbener Uniform und bestimmt nicht viel älter als ich selbst, um dann endlich in dieser Jahrhunderte alten Stadt zu stehen. Es ist überwältigend. Ich weiß nicht, wo ich zuerst hinsehen soll – alte Frauen sitzen auf den Treppenstufen inmitten der überladenen Gasse mit ihrer Ernte an Weinblättern und Petersilie, rechts und links an den Seiten reiht sich ein kleiner Laden neben dem nächsten, alle mit Markisen, sodass ich mir vorkomme wie in einer Markthalle.

Ein Mann bahnt sich schwankend mit einer voll beladenen Karre seinen Weg durch die Menge. Von allen Seiten rufen Stimmen, auf Arabisch und Hebräisch, ich werde sogleich auf Englisch vom ersten Ladenbesitzer angesprochen. Die Frauen mit den Weinblättern tragen alle Kopftuch, aus einem der Läden dringt arabische Popmusik und auf einmal fällt mein Blick auf dessen Auslage. Meterlange Bleche voller überraschend perfektionistisch angeordneter Baklava. Wie vertraut mir das alles doch noch ist.

„Nancy Ajram?“, frage ich den Ladenbesitzer. „Yes, you know her?“, erwidert er sichtlich erfreut. Ich lächle nur zurück und ziehe weiter den viel zu großen Koffer durch die enge Gasse. Vier Ecken weiter und nach mehrmaligem Suchen auf der Karte, die uns Sarah morgens in Tel Aviv noch mitgegeben hatte, stehen wir vor unserem Hostel. Es sieht genauso uralt aus wie alle anderen Häuser, sofern man sich überhaupt vorstellen kann, dass hier jemand lebt zwischen all dem Chaos. Mein erster Eindruck täuscht leider nicht – auch innendrin ist es kalt und muffig von den alten Gemäuern und noch dazu so verwinkelt, dass ich den Kopf einziehen muss, um zur ersten Treppe nach oben zu gelangen. Auch das Zimmer ist nicht besser, im Gegenteil. Kaputte Möbel, kein einziges Fenster und die Dusche besteht aus einem Hahn in der Wand, ohne Abtrennung oder Vorhang oder irgendetwas dergleichen. Ob die Bettwäsche wohl gewaschen ist? Sicher bin ich mir nicht.

„Hier ist wohl wirklich noch alles aus Jesus Zeiten“, scherzt meine Mutter, um die angespannte Stimmung zu lösen. Bisher hatte keine von uns beiden ein Wort gesprochen, seit wir das Zimmer betreten haben. Fünf Nächte wollen wir in Jerusalem bleiben. Für einen Moment sehne ich mich zurück nach dem vertrauten Großstadttrubel aus hupenden Autos und hastig vorbei eilenden Menschen in Tel Aviv. Hier ist alles so anders. Als hätten wir auf der knapp anderthalb Stunden langen Busfahrt Richtung Süden nicht nur Kilometer, sondern auch Zeit zurückgelegt. Jahre in die Vergangenheit.

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